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Das Wunder von Bernd? Warum ich diese Dopingdiskussionen nicht mehr hören kann!

by Daniel

Dass unter Jedermännern immer mehr gedopt wird, lässt sich nicht leugnen. Sei es jetzt der Griff zur vermeintlich harmlosen Aspirin Tablette oder in krasseren Fällen zur EPO-Spritze. Lohnt es sich aber, sich ständig darüber aufzuregen? Ist es nicht viel schöner, sich auf seine eigene Entwicklung zu konzentrieren? Mich jedenfalls hat dieses Thema einiges an Kraft und Nerven gekostet. Es wird mal Zeit, Dampf abzulassen.

dopingdiskussion

Vorweg: Andere zu bescheißen, ist der größte Mist, den man machen kann! Früher oder später fällt es einem vor die Füße. Die Rechnung wird kommen! Die größte Strafe für diese Betrüger ist aber der alltägliche Blick in den Spiegel: Scheiße, so richtig stolz kann man dann ja doch nicht sein! Und was für eine Bratwurst ist man eigentlich, dass man es nötig hat, bei einem Hobbyrennen zu betrügen! Der Frau kann man es nicht beichten, den Freunden, die nichts mit Radsport zu tun haben – falls es die überhaupt noch gibt – sowieso nicht. Muss ein ziemlich mieses und einsames Gefühl sein.

Im Laufe des letzten Jahres hat sich bei mir jedoch etwas interessantes eingestellt: Mir gingen diese zahlreichen Dopingdiskussionen, vor allem auf Facebook, gehörig auf die Nüsse. Kaum hatte einer eine „überraschend“ gute Leistung vollbracht, zerrissen sich zahlreiche User/Konkurrenten das Maul, ob die Leistung denn nun korrekt war oder ob derjenige nicht vielleicht doch zu unerlaubten Hilfsmitteln gegriffen hatte. Die Person hatte man ja eh schon lange im Verdacht.

Ich kann mich von dieser „Anti-Haltung“ in keinster Weise freisprechen – vor allem in den letzten zwei Jahren habe ich zahlreiche Artikel veröffentlicht, in denen ich den offensichtlichen Missstand – Doping bei den Jedermännern – anprangerte. Nur was hat es gebracht?

Leider Gottes, und so ehrlich müssen wir sein… nichts!

Auch beim diesjährigen Ötztaler gab es mal wieder keine Dopingkontrollen. Und der Ötzi ist sicherlich eine der wenigen Veranstaltungen, die diese Kontrollen „locker“ finanzieren könnten. Manch anderer nicht so solventer Veranstalter ist schon froh, wenn er mit einer schwarzen Null die Veranstaltung beendet. Für diese Veranstalter sind Kontrollen kaum zu stemmen. Ob die Teilnehmer hingegen bereit sind, diese Mehrkosten zu tragen, ist die andere Frage. Dem könnte man mal nachgehen.

Also, was haben in Summe diese endlosen Diskussionen im letzten Jahr gebracht? Hart gesprochen: Nichts!

Vielleicht ist es also ein Zeichen der Resignation bei mir, vielleicht bin ich es aber auch einfach nur leid, immer wieder den gleichen Driss zu diskutieren: Doping unter ego-gestörten Jedermännern: Ich kann es einfach nicht mehr hören!

Hinzu kommt, dass wir auch ein bisschen aufpassen müssen, uns diesen schönen Sport mit den ewigen Verdächtigungen nicht vollends kaputtzumachen. Wenn hinter jeder Hecke der Feind lauert, leidet irgendwann die Leidenschaft. Darf ich mich jetzt freuen, wenn ein Fahrer ein Rennen gewonnen hat oder muss ich vorher noch schnell Google anschmeißen und schauen, ob er nicht ggf. eine Vergangenheit hat? Das wäre ein bisschen, wie wenn man ein Date mit einer Frau hat und erstmal checkt mit wie viel Männern sie denn vorher schon im Bett war. Keine naive Freude mehr, alles wohl kalkuliert – immer ein bisschen Handbremse.

Wo das hinführen kann, sieht man heute noch im Profiradsport: Wenn ein Froome die Tour de France gewinnt, muss sich der Kerl ewig und drei Tage für seine Leistung rechtfertigen. Ob zurecht oder unrecht, möchte ich nicht beurteilen – ich stelle nur eine gewisse Sensibilität/Verängstigung fest, wenn ein Fahrer eine starke Leistung vollbringt.

Und jetzt sind wir beim Bernd, der Stein des Anstoßes für diesen Artikel.

Bernd Hornetz gewinnt den Ötzi! Schön, und jetzt?

Bernd Hornetz gewinnt den Ötztaler Radmarathon 2016 mit einer Rekordzeit von 6:57:04 Stunden. Bernd ist 48 Jahre alt und fährt wie ich erst Rennrad seitdem er 30+ ist.

Ok, das ist eine Ansage, also dass er den Ötzi mit 48 Jahren gewinnt, sicherlich auch eine Ausnahme. Aber bedeutet das sofort, dass Bernd zu unerlaubten Mitteln gegriffen hat? Schließlich wurden in den letzten Jahren ja zahlreiche Podiumsfahrer des Ötztalers des Dopings überführt; nicht beim Ötzi, denn dort werden keine Kontrollen durchgeführt, die Fahrer wurden bei anderen Rennen erwischt.

Ist also Bernd auch einer dieser Betrüger?

Ganz ehrlich? Ich weiß es nicht und mag mir darüber auch keine großen Gedanken machen. Ich möchte mit meiner Frau lieber einen schönen Abend haben und mich nicht mit solchem Mist beschäftigen.

Als ich also am Sonntagabend des Ötztalers gegen 21 Uhr, da lag beim Bernd die Unterhose wahrscheinlich schon kalt überm Stuhl, und die Radhose für den nächsten Morgen schon parat, das Ergebnis des Ötzis im Internet las, war mein erster Gedanke: krass! Da hat sich also Old-Fox-Bernd das Ding gezogen, sauber!

Und der Robert?

Robert Petzold, mit dem ich zuletzt zwei Artikel gemacht habe, lief ebenfalls als Vierter in den Top 5 ein. Ein paar andere Jungs und Mädels, die ich hier aus München kenne, durften sich ebenfalls über starke Zeiten freuen: Wetterfee Lisa finishte den Ötzi gar in einer Zeit von unter 11 Stunden, bei ihrer ersten Teilnahme wohlgemerkt! Über Nadja Prieling, die in zehn Tagen, den Ötzi zehn Mal gefinisht hat, brauchen wir gar nicht reden. Hier war die Zeit eh egal, es ging ihr ausschließlich um das Erlebnis.

Ich freue mich für Euch, das habt ihr Euch redlich verdient. Prost!

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Ob einer der Jungs und Mädels jetzt sauber war oder nicht, war nicht Teil meiner Gedanken.

So sahen das nicht alle: Kaum war ich auf Facebook, ging der alljährliche Shitstorm schon wieder los! Es ging natürlich um Bernd. Wie kann das bloß angehen: Der Bernd ist doch schließlich kurz vor der Rente? Letztes Jahr noch mit Beraldo unterwegs, und dieses Jahr gewinnt er selbst! Seeeehr auffällig! Wie kann er mit knapp 50 denn bitte die 7 Stunden knacken? Und so so weiter, und so weiter.

Moment mal: In diesem Augenblick, in dem ich den Artikel schreibe, saß der gute Bernd in 2016 exakt 20.881 km auf dem Sattel. Kann gut sein, dass es am Ende des Artikel schon 23.000 km sind. Aber das soll doch mal zeigen: Das kommt nicht von ungefähr!

Und jetzt kommt der entscheidende Punkt:

Exakt dafür – und zwar für diese unglaublich vielen Kilometer –, dafür bekommt der Bernd jetzt meine Be- oder Verwunderung! Kann man ja drüber denken wie man will. Nochmal, der gute Mann ist in diesem Jahr schon knapp 21.000 km (!!!) gefahren!!! Hallllooo? Wie krass ist das bitte? Und ich würge mir hier einen mit meinen 7.000 km ab. Bernd ist 10 Jahre älter und hat das Dreifache auf der Uhr.

Das ist die Tatsache, die etwas mit mir macht, ob er jetzt tatsächlich Erster oder Fünfter beim Ötzi wurde, ist mir vollkommen wurscht.

Oder der Fall des Robert Petzold: Ob Robert nun den Rekord für das schwierigste Wort des Jahres aufgestellt hat und ins Guinessbuch gerutscht ist – ich versuche es nochmal: 24-Stunden-Höhenmeter-Klettern-Weltrekord –, das interessiert doch in Wirklichkeit kaum einen. Dass Robert aber fast 22.000 hm in 24 Stunden geklettert ist, auch nachts, während einige von uns seelenruhig geschlafen haben oder sonstwas für Ferkeleien gemacht haben, dafür hat er meinen allergrößten Respekt. Gleiches gilt für seinen Gewinn beim RATA.

Gleiches gilt für Lisa, die den Ötzi zum ersten Mal gefinisht hat und es sich selbst bewiesen hat. Gleiches gilt für Rüdiger, gleiches gilt für Nadja Prieling. Gleiches gilt für all die anderen tausend Geschichten da draußen.

Scheiß auf die Vergleiche! Was zählt bist du!

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In 30-40 Jahren, wenn wir alle so richtig alt sind, dann interessiert es doch keine Sau mehr, ob du beim Ötzi 120., beim Endura-Alpentraum 209. oder Dritter wurdest. Wenn wir aber sagen, dass wir an einem Tag über oder quer durch die Alpen oder zweieinhalb Mal den Mount Everest hochgefahren sind, dann werden die Kids denken: Krasse Scheiße! Was ein cooler Opa, das probiere ich jetzt auch!

Diese Beispiele sollten uns zeigen, worauf es im Jedermannbereich ankommt: Es geht doch letzten Endes nur darum, es sich SELBST zu zeigen. Alle die wichtigen Personen drumherum – deine Familie und Freunde – interessiert es doch einen feuchten Kehricht, was du für eine Zeit benötigt hast. In Wirklichkeit sind sie doch einfach nur froh, wenn du heil und sturzfrei zurück ins Ziel gekommen bist.

Scheißt auf all diejenigen, die nach dem Zieleinlauf sofort das Smartphone zücken, um die Ergebnislisten zu scrollen, checken, wischen, scrollen – für die tut ihr es doch nicht. Ihr macht es nur für Euch!

Fahrt ruhig hart Rennrad – so hart bis die Krämpfe kommen und die Rotze das Kinn runterläuft, aber danach gebt Euch die Hand und trinkt ein geiles Bier zusammen! Das ist doch das, was den Radsport im Hobbybereich ausmacht!

Nochmal, wir sind im Alten-Herren-Bereich des Fußballs angekommen. In meiner Infografik vor dem Ötzi habt ihr es wahrscheinlich gesehen: Der durchschnittliche männliche Ötzi-Teilnehmer ist 45 Jahre alt, die weibliche Teilnehmerin 41 Jahre!!!

Also, trainiert hart, guckt wo ihr steht, holt alles aus dem Körper raus, aber akzeptiert es auch mal, wenn ein anderer eben besser ist – vielleicht auch nur, weil er einfach mehr Zeit hatte zu trainieren. Wenn der andere jedoch betrogen hat, glaubt mir: Er wird schon seine Strafe im Leben bekommen. Dessen kannst du dir sicher sein.

Frage: Wer war nochmal 6. beim Ötzi 2015?

Siehste, keine Ahnung!

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