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Charly Wegelius – Domestik:
„Es war, als wäre mein Körper ein Planet und ich hätte sämtliches Rohöl aus ihm herausgepresst“

by Daniel

„Ein Sieg auf dem Gipfel eines berühmten Anstiegs – es würde die elf Jahre bei Rennen rechtfertigen, in denen ich an den Start gegangen war, ohne einen Gedanken an meine eigenen Chancen zu verschwenden; die unzähligen Rennen, in denen ich mir die Seele aus dem Leib gefahren hatte.“ In „Domestik“ beschreibt Charly Wegelius seine elfjährige Zeit als Domestik im Profiradsport, in denen er an insgesamt 14 großen Landesrundfahrten teilnahm. Und aufgepasst: In „Domestik“ geht es nicht um Maseratis und Millionenverträge – „Domestik“ zeigt uns das wahre Leben eines Wasserträgers im Profiradsport: Dreck fressen, Schmerzen aushalten und ganz wichtig: Nimm Dich ja nicht zu wichtig!

Charly Wegelius DomestikVielleicht erinnert Ihr Euch ja noch an meinen Besuch in der TOUR-Redaktion? Chefredakteur Thomas Musch empfahl mir in weiser Voraussicht Charly Wegelius Autobiographie: „Daniel, falls du gerne hinter die Kulissen des Radsports blickst, dann empfehle ich dir “Domestik” von Charly Wegelius. Sehr interessant! Du wirst es mögen!“

Oh ja. Volltreffer, Thomas. Ich habe es gelesen und nahezu jede Seite verschlungen. Vielen Dank für diesen brandheißen Lesetipp!

„In physischer Hinsicht ist es die Aufgabe eines Domestiken, seine eigenen Kräfte darauf zu verwenden, die seines Kapitäns zu schonen.“ (Charly Wegelius)

„Domestik“ beschreibt Wegelius holprigen Start als Juniorenfahrer in Frankreich, wo er unter erschwerten Bedingungen die ersten Schritte für das Amateurteam Vendée U absolvierte. Im Jahre 1999 wechselte er für ein Jahr als Stagiaire in das Linda McCartney Racing Team, bevor er den Schritt ins Profilager schaffte und für zwei Jahre beim renommierten Mapei–Quick-Step-Team anheuerte.

Das Besondere an dieser Autobiographie ist die ungefilterte Widergabe der Dinge, die den wahren Profiradsport ausmachen – ein ungeschönter Blick hinter die Kulissen. Während es in anderen Radsportbüchern meist um Heldengeschichten geht, sucht man in diesen 298 Seiten vergeblich nach einer Erfolgsgeschichte. Wegelius war kein Gewinner. Seine Aufgabe bestand ausschließlich darin, der Mannschaft und insbesondere dem Kapitän zu dienen. Neben einer gehörigen Portion Unterwürfigkeit zählte vor allem eine hohe Schmerztoleranz gegenüber sich selbst zu seinen „Kernkompetenzen“.

Ich habe das 298-Seiten starke Werk gelesen und eine Auswahl der Highlights gelistet, die das Buch so interessant für Radsport-Liebhaber macht:

Charly Wegelius über die Vuelta a España

In den Augen von Wegelius ist die dreiwöchige Spanienrundfahrt ein lustloses, vor sich hinsiechendes Rennen am Ende der Saison, in dem sich keiner mehr groß quälen mag. Üblich war es, und ist es vermutlich heute immer noch, dass zahlreiche Fahrer eine Verletzung vortäuschten, um nach ein paar Tagen aus dem Rennen aussteigen zu können. Charly Wegelius beendete seine erste Rundfahrt, die Vuelta 2002, immerhin ganz tapfer – ohne auszusteigen – auf Platz 109 von insgesamt 132 Teilnehmern.

Die Verschrobenheit der spanischen Radfahrer hat mich in „Domestik“ persönlich sehr amüsiert. Wegelius mokierte sich über die spanischen Radprofis, die sich aus unverständlichen Gründen bei Hitze warm einpacken, um sich vor Krankheiten oder Verletzungen zu schützen. So kam es nicht selten vor, dass an Nicht-Renntagen ausländische Profis in Shorts und T-Shirts das Wetter genossen, während spanische Profis in Beinlingen und Wollmützen auf der Rolle regenerierten. In Augen von Wegelius und seinen italienischen Teamkollegen, die in ihrem Land auch an Hitze gewöhnt sind, ein absoluter Schmarrn.

Im Leben eines Domestiken ist es nicht unüblich, dass die reinen Rennergebnisse nicht mehr interessieren. Wegelius hatte einen Job, und der endete meist 20-30 km vor dem Ziel, nachdem er seinen Kapitän an aussichtsreicher Position abgesetzt hatte. Die späteren Rennergebnisse las er am nächsten Tag in der Zeitung. Er war einfach zu weit von der Action weg.

Sehr erheiternd war seine Beschreibung vom „Rechenfuchs“: Jede Fahrergeneration hat demnach eine „fahrende Rechenmaschine“ im Peloton, die während einer Bergetappe auf die Minute ausrechnet, wann man im Hauptfeld das Gas rausnehmen kann, um punktgenau innerhalb der Karenzzeit ins Ziel zu kommen: Entsprechend wartet das Hauptfeld auf sein Zeichen. Zu Wegelius Zeiten war eine dieser Rechenmaschinen: Eric Zabel.

Doping bei Mapei – harte Zeiten bei De Nardi in Italien

Charly Wegelius Domestik

Auch Mapei – eines der Top-Teams aus den 90ern – blieb von den Dopingskandalen der Nullerjahre nicht verschont. Giorgio Squinzi, Eigentümer und Hauptsponsor des Teams, schmiss das Handtuch, zu heftig waren die Imageschäden für ihn und sein Unternehmen: Stefano Garzelli wurde beim Giro 2002 des Maskierungsmittels Probenecid überführt und vom Giro ausgeschlossen.Mapei war also Geschichte und Wegelius musste sich nach einem neuen Vertrag umsehen, was mit De Nardi auch klappte: Ein italienischer Rennstall, der Charly Wegelius für 30.000€ Gehalt im Jahr einstellte. Nichts Außergewöhnliches an sich, außer der Tatsache dass De Nardi Rentenbeiträge für die angestellten Fahrer zahlte. Dieses fürsorgliche Mitdenken seitens des Arbeitgebers war damals ganz und gar nicht üblich.

Frage in den Raum: Wie ist das heute, zahlen die Teams mittlerweile Rentenbeiträge für ihre Fahrer?

Davon einmal abgesehen: Italienische Teams waren laut Wegelius alles andere als seriöse Unternehmen. Es war übliche Praxis, dass der Fahrer einen Sponsor mit ins Team brachten, der ihm dann das Gehalt zahlte. Und wenn es ganz blöd lief, mussten die Fahrer auch beachtliche Teile des Gehalts in bar an den Rennstall zurückzahlen; Geld zu waschen war Teil des Geschäftsmodells.

Wie in den meisten Teams der damaligen Zeit, herrschten auch bei De Nardi knallharte Hierarchien: Nicht nur, dass sich Charly Wegelius als Nicht-Italiener den Italienern unterordnen musste, die Spitze des Eisbergs war sicherlich die Anweisung seines Kapitäns Andrea Tafi, ihm die Radhose nach einer Etappe der Burgos-Rundfahrt mit der Hand zu waschen. Ohne Worte.

Ein typisches Merkmal italienischer Teams, welches Wegelius besonders betonte, war die Tatsache, dass die Fahrer unbedingt dünn sein mussten. Das bedeutete schlicht und ergreifend: Es wurde so wenig gegessen wie nur irgendwie möglich – den Betreuer als Aufpasser gab es auf Kosten des Hauses. Der Speiseplan an Ruhetagen eines Etappenrennens bestand dann aus Wasser und einem 17-Gramm-Energieriegel. Der eine oder andere Fahrer, aß an Tagen zwischen den Rennen auch mal nichts – stattdessen trank er nur Wasser.

Absoluter Wahnsinn.

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Bei allem Irrsinn – aus seiner Zeit in Italien ist vor allem eins geblieben: Die Liebe zum Giro d’Italia. Für Charly Wegelius ein wahrhaft besonderes Rennen.

Die Liebe zum Giro d’Italia

Das Besondere an dieser Rundfahrt ist die Tatsache, dass das komplette Rennen an den Bedürfnissen des Publikums ausgerichtet ist: Die Zuschauer wollen ein Spektakel über das sie noch lange reden können. Das italienische Wort lautet dafür polemica.

Entsprechend durchdacht ist die Streckenführung: Nichts wird beim Giro d’ Italia dem Zufall überlassen: Warum auf direktem Weg ins Ziel, wenn man noch eine historische Kapelle vor malerischem Hintergrund mitnehmen kann?

Bei aller Liebe zum Giro, sehr schlechte Erfahrungen machte Wegelius vor allem in Süditalien wo einem Radprofi – laut seinen Angaben – das Leben deutlich schwerer gemacht wird: Sei es der schlechte Asphalt, die unsichere Gesamtlage oder der mangelnde Respekt gegenüber den Fahrern.

Über mangelnden Respekt musste sich dieser Mann keine Sorgen machen: Mario Cipollini. Für Cipo war der Giro d’Italia immer eine ganz besondere Show – quasi sein dreiwöchiges Heimspiel. Cipollini war der unumstrittene Chef im Feld – was er sagte, war Gesetz.

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„Ich befand mich in Gegenwart einer Legende, und er nannte mich ein verfluchtes Stück Scheiße.“

Eine negative Begegnung der besonderen Art machte Charly Wegelius 2003 mit dem gealterten Marco Pantini – gezeichnet von den Skandalen der Jahre zuvor. Während einer Abfahrt der 18. Etappe in den Alpen, echauffierte sich Pantani dermaßen über Wegelius ängstlichen Fahrstil, dass er vor lauter Wut die Kontrolle verlor und es ihn in den Graben schmiss. Seine Zeit war vorbei, und das war allen klar.

Wegelius Kritik am Hämatokritwert von 50%

Obwohl Charly Wegelius nach eigenen Angaben nie zu unerlaubten Mitteln griff, musste auch er unter den Auflagen der UCI leiden. Der Grund dafür war sein von Natur recht hoher Hämatokritwert.

Hintergrund: Um den ausufernden EPO-Gebrauch in den Griff zu bekommen, hatte die UCI 1998 eine willkürliche Grenze gesetzt, was den Anteil der roten Blutkörperchen im Blut eines Fahrers anbelangte. Fortan wurden Fahrer, die einen Wert von über 50% aufwiesen, für ein paar Wochen aus dem Verkehr gezogen. Für Wegelius war das ein deutlicher Wettbewerbsnachteil: Genetisch benachteiligte Fahrer konnten sich auf chemische Art und Weise an die 50%-Marke hochdopen und damit ihre Defizite gegenüber Fahrern mit einem von Natur aus größeren „Motor“ kompensieren.

Richtig ernstzunehmende Probleme bekam Wegelius, als sein Hämatokritwert während eines Dopingtests bei der Lombardei-Rundfahrt 2003 die 50%-Marke überschritt. Hinweis: Der Wert ist natürlichen Schwankungen ausgesetzt – die UCI zog und zieht immer noch knallhart den Strich: Jeder Fahrer, der über dem Strich ist, wird aus dem Verkehr gezogen – egal ob gedopt oder eben nicht. Wegelius wurde daraufhin für einige Zeit von den Profirennen und dem Team ausgeschlossen. Imageschaden inklusive, was natürlich wiederum Konsequenzen für die Teamsponsoren hatte – und später auch für ihn. Auf eigene Kosten (2.500€ für die Tests bei der UCI in der Schweiz plus Reisekosten) durfte Wegelius in den Laboren der UCI beweisen, dass er quasi ein „Naturtalent“ war, was ihm zwar die Renngenehmigung zurückbrachte, dafür aber zu geringeren Bezügen als vor dem Skandal. Sein Gehalt betrug vorher schlappe 1.400€.

Bis dahin war mir Wegelius eigentlich ein grundsympathischer Kerl. Bei einer Sache war ich mir jedoch nicht ganz sicher, was ich von ihm halten solle…

Charly Wegelius Domestik

(c) covadonga Verlag | mit Chris Boardman

Die verkaufte WM 2005 von Madrid

Nein, da brauche ich nicht lang überlegen: Das war nicht cool Charly!

Charly Wegelius hatte keine große Lust an der Straßen-WM in Madrid. Das britische Team von damals beschreibt er als einen traurigen, unprofessionellen Haufen. Ehre und Ruhm würde nur dem Kapitän Roger Hammond zuteil werden, die Helfer hätten überhaupt nichts davon. Um die Unprofessionalität des britischen Nationalteams zu unterstreichen, verweist Wegelius auf die irre Nummer von Sydney 2000: Nachdem er schon im MTB-Wettbewerb an den Start gegangen ist, wurde Nick Craig überredet für die Straßenmannschaft zu fahren – das Ganze natürlich mit MTB-Schuhen und Helm.

Wie auch immer: Wegelius und „Domestik“ Co-Autor-Tom-Southam sicherten den Italienern, um Sprintstar Petacchi, ihre Dienste zu, nicht ihren eigenen Kapitän Roger Hammond zu unterstützen – stattdessen die italienische Fahrer.

Der Preis für den „Verrat“: 2.500€ und ein Riesenärger mit British Cycling um den damaligen Chef David Brailsford (heute Sky).

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Fazit: Charly Wegelius – Domestik

Das Buch zeigt auf ungeschönte Art und Weise das wahre Leben eines ganz normalen Radprofis. Eines Wasserträgers, der jegliche Kräfte darauf verwenden muss, dem Kapitän zu glorreichen Siegen, und folglich Ruhm zu verhelfen. Sehr beeindruckt hat mich die Tatsache, dass Wegelius seine eigenen Ambitionen im Laufe der Zeit komplett hintenanstellte und unfassbare Schmerzen in Kauf nahm – und alles nur, um dem Team zu gefallen. Denn nur wer Leistung bringt oder durch perfektes Teamwork glänzt, der darf mit einer Verlängerung des nicht gerade sehr üppigen Vertrags rechnen.

Eine sehr vertrackte Situation, denn in jedem Radfahrer steckt doch ein gewisser (gesunder) Egoismus, endlich auch mal ein Rennen zu gewinnen und im Mittelpunkt zu stehen. Von Sonderzahlungen brauchen wir gar nicht erst reden.

Aber, selbst dieser letzte Moment des Ruhmes war ihm nicht vergönnt: So wurde Charly Wegelius bei seinem letzten Rennen – einer Bergankunft der Vuelta a Asturias – nach einem Soloritt 100 m vor dem Ziel gestellt, er überquerte die Ziellinie als undankbarer Dritter. Elf Jahre, in denen er sich den Arsch für andere aufgerissen hatte, ohne auch nur einen Augenblick an seine eigenen Ambitionen zu denken, blieben unbelohnt.

Oder wie Wegelius festhält: „Profiradsport: Es ist kein verfluchtes Märchen!“

Meine Meinung: Absoluter Lesetipp für alle Radsportfans!!

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