Bist du ein aufstrebendes Radsporttalent und idealerweise nicht älter als 21-22 Jahre? Vielleicht hast du bei dem ein oder anderen Jedermann Rennen oder Radmarathon (siehe unsere Übersicht der 27 coolsten Rennen!) schon vorne richtig reingehalten und überlegst dir nun, ob dein Motor vielleicht auch für höhere Aufgaben geeignet ist?!
Dann dürfte der heutige Blog genau das Richtige für dich sein!
Wir haben per Video-Podcast mit unserem Athleten Anton Metternich (ist auch als Guide im Mallorca Camp dabei!) gesprochen, der seit Januar bei uns im Coaching ist und aufgrund seines sehr starken Motors (ca. 5,2 W/kg an der Schwelle) seit Juli für das Devoteam von Bike Aid v.a. in der Bundesliga fährt.
Im Podcast verrät er uns, was genau die Unterschiede von den Radmarathons (bei seinem ersten Radmarathon in Imst fuhr er gleich in die Top 10) zur Elite in der Bundesliga sind.
Viel Spaß damit.
Herzlichst,
Daniel
Renntaktik & Positionierung: Warum dicke Wattzahlen am Berg nicht alles sind
Wer von außen auf den Radsport schaut, denkt oft: Wer am härtesten in die Pedale tritt, gewinnt. Antons Wechsel vom Jedermann-Bereich in die Lizenzklasse (Elite) zeigt aber, dass rohe Power ohne die richtige Positionierung im Feld fast wertlos ist.
Radmarathon: Das ehrliche Rennen gegen die Schwerkraft
- Entspanntes Anrollen: Bis zum ersten ernsthaften Anstieg herrscht im Feld oft eine gewisse Grundruhe. Auf den meist breiten Straßen wird das Tempo noch halbwegs kontrolliert gefahren, weil alle wissen, was später noch kommt
- Natürliche Selektion: Wenn sich ein 1.000-Höhenmeter-Monster wie der Haiminger Berg – beim Imster Radmarathon – aufbaut, fallen die Masken. Ab hier gibt es kein Verstecken im Windschatten mehr
- Die Watt entscheiden: Wer hier 5 Watt pro Kilo oder mehr über 40 bis 45 Minuten steady treten kann, fährt unweigerlich vorne mit
- Kein Positionskampf: Wo du am Fuß des Berges ins Klettern einsteigst, spielt kaum eine Rolle. Du kannst an Steigungen ganz locker und im eigenen Rhythmus an schwächeren Fahrern vorbeiziehen. Es ist ein berechenbares Pacing-Game
Dadurch, dass ich am Anfang bei den kurzen Spitzen nicht die Kapazitäten hatte, musste ich nach Kurven fast all-out gehen, um wieder ranzukommen.
(Anton)
Rennrad-Bundesliga: Der brutale Kampf vor/nach der Kurve
- Permanenter Stress: Die Rennen finden häufig auf verwinkelten Rundkursen statt. Entspanntes Mitrollen? Fehlanzeige. Das Feld ist extrem nervös, weil jede Kurve über den weiteren Rennverlauf entscheiden kann
- Ziehharmonika-Effekt: Wer sich nicht aktiv vorne einsortiert, spürt die Härte des Kriterium-Charakters. Fährst du zu weit hinten in eine enge Kurve, stehst du fast und musst danach massiv beschleunigen
- Der „Gummiband“-Tod: Dieser Positionsnachteil zwingt dich nach jeder Ecke zu einem tiefroten, anaeroben Intervall, um das Loch zum Vordermann wieder zuzufahren. Das saugt dir die Beine leer – völlig egal, wie hoch deine Schwellenleistung auf dem Papier ist
- Fahren auf Lücke: Die Rennhärte ist eine komplett andere. Lücken werden sofort dichtgemacht, es wird reingehalten und sich positioniert. Das erhöht natürlich auch den Stressfaktor und das Sturzrisiko, das Anton bei Marathons in dieser Form nie hatte
Physiologie in der Elite: Schwellen-Diesel vs. das rote Laktat-Band
Wenn wir uns die reinen Zahlen anschauen, wird schnell klar, warum ein überragender Motor bei Radmarathons allein in der Bundesliga noch keine Podiumsplätze garantiert. Der physiologische Anspruch dreht sich komplett: weg vom recht gleichmäßigen Schwellen-Pacing, hin zu einer extremen Stochastik mit permanenten Lastspitzen im tiefroten Bereich.
320 Watt Normalized Power: Antons Beweis im Hauptfeld
- Ein gewaltiger Motor als Basis: Antons physisches Potenzial haben wir bereits bei der Leistungsdiagnostik auf Mallorca (siehe Blog) gesehen. Mit einer Schwellenleistung von 5,1 bis 5,2 Watt pro Kilo und knapp 400 Watt über 5 Minuten bringt er die perfekten Werte mit, um bei Radmarathons ganz vorne reinzufahren
- Die Realität im Lizenzrennen: Wie absurd hoch das Niveau in der Bundesliga wirklich ist, zeigt Antons Leistung am Rennsonntag. Über 3:15 Stunden drückte er stolze 321 Watt Normalized Power bei rund 70 kg Körpergewicht
- Das Ergebnis: Diese echt sehr, sehr starken Zahlen reichten am Ende für Platz 48. „Auf 3 Stunden 320 Watt Normalized zeigt aber, auf welchem Niveau gefahren wird“, bringt es Coach Lukas im Talk treffend auf den Punkt
- Das Laktat-Band: Während man beim Marathon die Schwelle fast wie mit einem Tempomaten abfährt, zwingt die Renndynamik in der Bundesliga zu ständigen anaeroben Spitzen. Der Körper muss lernen, das Laktat nach 30- bis 60-sekündigen All-Out-Phasen blitzschnell wieder zu verstoffwechseln, während man im Feld munter mit 300 Watt weiterrollt
Die magische 6-Watt-Marke an der Spitze der Rad-Bundesliga
- Wer fährt da eigentlich mit? In der Bundesliga steht man nicht nur mit Nachwuchsfahrern an der Linie. Das Fahrerfeld ist gespickt mit starken Kontinental-Fahrern (KT) und gestandenen Ex-WorldTour-Profis wie Felix Groß, der schon bei UAE unter Vertrag stand und Paris-Roubaix gefahren ist
- Die 6-Watt-Schallmauer: Anton schätzt die Lage an der absoluten Spitze realistisch und ohne Illusionen ein: „Die Bergfahrer, die vorne mitfahren, haben auf jeden Fall 6 Watt an der Schwelle, mindestens.“
- Vollzeit-Profis vs. Devo-Team: Die Jungs an der Spitze sitzen minimum 20 Stunden pro Woche im Sattel, viele machen hauptberuflich nichts anderes. Als 22-Jähriger in einem Development-Team muss man sich diese spezifische Rennhärte erst über Jahre erarbeiten
- Es geht nicht nur um die FTP: Wie Lukas anmerkt, haben an dieser Startlinie fast alle herausragende Laborwerte. Den Unterschied machen am Ende die Ermüdungsresistenz nach drei Stunden und die Fähigkeit, im entscheidenden Moment – trotz Vorermüdung – noch einmal für 10 Sekunden den 1000-Watt-Sprint abzufeuern
Trainingssteuerung: Wie Coach Lukas den Motor für die Bundesliga umbaut
Ein so massiver Wechsel des Anforderungsprofils zwingt natürlich auch den Trainer dazu, das Trainingskonzept komplett neu zu denken. Was für den Ötztaler oder den Imster Radmarathon perfekt funktionieren mag, lässt dich beim Kriterium nach drei Runden im Zweifel platzen. Coach Lukas musste Antons starken „Diesel“ also mit einem „Turbolader“ für die Kurven ausstatten.
Vom langen Berg-Pacing zum 10-Sekunden-Sprint
- Der alte Marathon-Plan: In der Vorbereitung auf die Jedermann-Rennen im Frühjahr lag der Fokus auf der reinen Dauerleistung. Lukas erklärt die damalige Strategie: „Für den Imster und Marathons ging es vor allem darum, lange Dauerleistungen an Anstiegen von 20, 30 bis 60 Minuten nah an der Schwelle zu bringen.“
- Der neue Bundesliga-Reiz: Mit dem Einstieg in das Devo-Team von Bike Aid rutschten die längeren Sweetspot-Intervalle (zumindest in dieser Menge) aus dem Plan. Stattdessen standen plötzlich harte, stochastische Reize auf der Speisekarte
- Anaerobe Kapazität aufbauen: „Im Training haben wir vermehrt Sprints bis 10 Sekunden und anaerobe Belastungen von 30 Sekunden bis 1 Minute eingebaut“, so Lukas. Das Ziel: Die Muskulatur darauf trainieren, diese massiven Laktat-Schübe beim ständigen Antreten nicht nur auszuhalten, sondern extrem schnell wieder abzubauen
- Der spürbare Effekt im Rennen: Dass diese gezielte Umstellung funktioniert, hat Anton direkt auf dem Asphalt gemerkt: > „Am Anfang hatte ich bei den kurzen Spitzen nicht die Kapazitäten mitzugehen […] Dadurch, dass wir das vermehrt trainiert haben, wurde es in den letzten Rennen deutlich besser, sodass ich nach Kurven nicht mehr komplett all-out gehen musste.“
Support im Rennen: Pappbecher bei 40 km/h vs. Team-Verpflegung
Neben Wattwerten und Taktik gibt es noch einen Bereich, in dem der Unterschied zwischen ambitioniertem Jedermann-Rennen und Lizenzklasse nicht größer sein könnte: Die Logistik rund um die Verpflegung. Wer bei Radmarathons vorne mitfahren will, ist oft auf sich allein gestellt – was zu teilweise absurden Situationen führt.
- Verpflegungs-Chaos beim Marathon: Anton erinnert sich an den SuperGiro Dolomiti (siehe Rennbericht! (200 km, 5.000 hm) und den Mondsee Radmarathon: „Die Verpflegungsstation war nicht unbedingt immer an einem langen Anstieg, sondern manchmal mittendrin. Und bei 40 km/h kannst du so Pappbecher nicht greifen, und es hält vorne keiner an, weil alle ihre Verpflegung selber organisieren.“ Ohne private Betreuer an der Strecke droht hier schnell der Hungerast
- Der Luxus der Bundesliga: Im Lizenzbereich fällt dieser massive Stressfaktor fast komplett weg. Anton vergleicht es mit dem Rennen am Nürburgring: „Bei Bundesligarennen habe ich in der Regel keine Probleme mit der Verpflegung […] da standen jede Runde Betreuer am Rand und haben uns die Flaschen angegeben.“

Ausblick: Mentaler Reset und der Weg nach Mallorca
Nach einer extrem vollgepackten Saison, die beim Imster Radmarathon begann und über 9 Etappentage in Guayana, die Sauerland-Rundfahrt (Antons erstes UCI-Rennen) und doppelte Bundesliga-Wochenenden (inkl. DM Berg) ging, ist der Tank jetzt erstmal leer – vor allem im Kopf.
- Stecker ziehen in der Offseason: „Die Schuhe sind weggepackt, um den Kopf frei zu bekommen“, sagt Anton. Eine Maßnahme, die auch Lukas als Coach ausdrücklich begrüßt, damit der Athlet nach der langen Saison von Mai bis September wieder „frisch und hungrig“ wird
- Standortbestimmung im Herbst: Nach zwei Wochen kompletter Radpause und den ersten Wochen im Basistraining steht dann im November/Dezember die nächste Leistungsdiagnostik an. Hier werden Lukas und Anton den aktuellen Status quo analysieren und schauen, wo die Potenziale für den Winter liegen
- Der nächste Meilenstein: Wenn der Aufbau nach Plan läuft, sehen wir Antons Weiterentwicklung spätestens Ende Februar wieder live auf der Straße – dann ist er beim SpeedVille Mallorca-Camp 2027 dabei und wird die neuen Wattwerte auf den spanischen Asphalt bringen

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Titelfoto: legruppetto973online
