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Mont Ventoux für Verrückte – die Geschichte von Manni

by Daniel

[Anzeige] Der Mont Ventoux gehört neben dem Galibier, dem Col du Tourmalet und L’Alpe d’Huez zweifelsohne zu den Anstiegen der Tour de France, die ein Rennradfahrer einmal im Leben gefahren sein muss. Einer, der diesen mystischen Anstieg gleich drei Mal an einem Tag gefahren ist, was ihm offiziellen Eintritt in den „Club des Cinglés du Mont-Ventoux“ – der Club der Verrückten vom Mont-Ventoux – gewährt hat, ist Manfred Sacher. Ein Portrait über ein faszinierend verrücktes Abenteuer.

Mont Ventoux RennradIm Herbst letzten Jahres stolperte ich in der TOUR über die Textanzeige, in der Manfred interessierten Rennradfahrern sein e-Book über die dreimalige Mont-Ventoux-Befahrung näherbrachte. Den Mont Ventoux an einem Tag dreimal zu befahren? Das ist ja fast so wahnsinnig wie der Endura Alpentraum oder Ötztaler?! Grund genug also, diesen Kerl einmal näher kennenzulernen. Im Januar diesen Jahres war es dann soweit: In einer Münchner Bar traf ich einen sehr passionierten Rennradfahrer, der im Hauptjob Hubschrauberpilot ist – und seit knapp zwei Jahren stolzes Mitglied im Club des Cinglés: Die Verrückten vom Mont Ventoux. Auch eine sehr interessante Kombination.

Was treibt einen also an, mit Mitte Vierzig gleich drei Mal an einem Tag den Mont Ventoux zu befahren? Ist das einmalige Befahren nicht schon vollkommen ausreichend – oder zumindest drei Mal an drei verschiedenen Tagen? Wie waren seine Eindrücke vom Giganten der Provence? Wie lange hat er für dieses Wahnsinnsprojekt trainiert?

Willkommen im Club des Cinglés du Mont Ventoux

Mont Ventoux Club des Cingles

„Ich las einen Bericht in der RoadBIKE über den Club der Verrückten: Club des Cinglés du Mont-Ventoux. Ich war so gefesselt, dass ich mir vornahm, ebenfalls Mitglied in diesem Club zu werden“, beschreibt Manfred den Moment, als er endgültig beschloss dieses Wahnsinnsprojekt anzugehen. Denn den Mont Ventoux von gleich drei Seiten zu befahren, dieses Interesse schlummerte schon länger in ihm: Genauer gesagt seit 2011. In dieser Zeit tourte der Mittvierziger regelmäßig mit Familie und Wohnmobil durch Südfrankreich – dass das Rennrad ebenfalls mit von der Partie war, ist eh klar. So wurde aus dem Familienurlaub – mit einem Griff ins Wohnmobil – schnell mal ein Rennradurlaub gemacht.

Als ihm also Kuchen essen und Kaffee trinken unter südfranzösischer Sonne zu langweilig wurden, begann er in 2012 mit den ersten seriösen Versuchen den Mont Ventoux per Rennrad zu erklimmen; die erste Tour führte vom Städtchen Malaucene hinauf auf den Wächter der Provence. Angetrieben vom Blick auf die berühmte Antenne, startete er motiviert bis unters Dach seine Pionierfahrt. Zunächst aber noch viel zu dünn angezogen, denn den berüchtigten Mistralwind, den hatte Manfred nicht auf dem Zettel: „Ich fuhr zunächst mit Trikot und Windweste, musste aber auf halber Strecke eine weitere Weste anziehen, weil ich so fror. Die letzten 500 Höhenmeter zum Gipfel ging der Wind dann so stark, dass ich mit dem Rad in einer krassen Schräglage fahren musste, um ja nicht umzufallen. Heftig.“ Oben angekommen, wartete bereits die Frau auf ihren Helden im Wohnmobil – für Sentimentalitäten und Selfies von der Gipfelerstürmung blieb keine Zeit, Manni musste vor die Standheizung: Wärme. Und zwar schnell.

Wieder im Tal angekommen, sinnierte er über das soeben Geleistete: „Ich war zwar saumäßig kaputt, beim Anblick dieses Berges hat es aber sofort wieder angefangen zu kribbeln“ beschreibt Manfred seine Gefühle nach der ersten Gipfelerstürmung.

Eigentlich der perfekte Augenblick, einen Haken an das Thema zu machen – getreu dem Motto: Been there, done that, check.

Doch für rationale Gedanken war es bereits zu spät, die Entscheidung diesen Mega-Gipfel gleich dreimal an einem Tag zu erstürmen, war längst gefällt. Über einschlägige Fachliteratur tüftelte Manfred an seinem Plan: Die Befahrung des Mont Ventoux von drei Standorten: Sault, Malaucène und Bèdoin.

Im Juni 2014 war es dann soweit: Ein Trainingslager am Mont Ventoux, was ursprünglich als Generalprobe angedacht war, geriet im positiven Sinne außer Kontrolle. Manfred hatte, wie man unter Radfahrern zu sagen pflegt: „gute Beine“! Er befuhr den Gipfel des Mont Ventoux von drei Standorten aus: Zuerst aus Bédoin, dann aus Malaucène und abschließend aus Sault.

Manni war stolz. Und Manni ist jetzt einer von ca. 500 Deutschen, die Mitglied sind im Club der Verrückten „Cinglés du Mont-Ventoux“ sind, welcher zurzeit knapp 9.000 Mitglieder (Stand: März 2016) umfasst.

Manfred, wie fühlt es sich an in diesem exklusiv verrückten Club Mitglied zu sein?
„Es ist schon ein besonderes Gefühl. Mindestens ein Jahr war man darauf fokussiert, und hat es dann als einer von wenigen Deutschen geschafft, den Mont Ventoux dreimal an einem Tag zu bezwingen. Und kurz noch ein Wort zum Club der Verrückten: Es ist in der heutigen Zeit vielleicht eines der größten Abenteuer für einen Rennradfahrer: Kein Kommerz, keine Organisation, keine versteckten Kosten – nur die 20 Euro für die Stempelkarte. Was mich darüberhinaus sehr gereizt hat: Du bist mit Dir allein, machst Deine eigene Planung, Einteilung und Durchführung. Du bestimmst, wann Du startest und wann Du Pause machst. Der Kampf ist ganz einfach: Pur und klar: Drei Mal an einem Tag, von drei unterschiedlichen Startorten. Keine Verpflegungsstationen, kein Rummel, kein Warten bis der Startschuss fällt. Niemand anders ist verantwortlich oder auch schuldig (lacht). Was zählt, bist Du – Du ganz alleine, unplugged.“

Diese Schilderung hatte mich zwar schon sehr beeindruckt, mich interessierten aber vor allem die Gefühle und Gedanken während dieses Abenteuers.

Beschreibe uns doch bitte deine Gedankenwelt während der dreimaligen Befahrung.
„An diesem Tag gab es Hitzewarnungen für das gesamte Gebiet: Höchstwerte bis 38 Grad im Schatten. Daher beschloss ich, so früh wie möglich zu starten. Um 6 Uhr morgens ging es dann in Bédoin los, bei angenehmen 15-17 Grad. Die Temperatur hielt sich auch bis zum Gipfel. Die erste gefürchtete Auffahrt lief also besser als erwartet: Sehr runder Tritt und ruhiger Puls. Die zweite Auffahrt aus Malaucène war auch okay. Was hier besonders war: Meine Frau wartete bereits mit dem Wohnmobil am Gipfel und bereitete das Frühstück vor: Baguette mit Aprikosenmarmelade in großen Mengen. Ich hatte einen Kohldampf. Brutal!

Beim dritten Anstieg aus Sault schlug dann die Hitze zu. Ich musste alle 300 Höhenmeter ca. zwei Minuten Pause im Schatten machen, um wieder einigermaßen zu Kräfte zu kommen. Ab dem Chalet Reynard ging es aber dann von ganz allein: Etwa einhundert andere Rennradfahrer waren mit mir, da durfte ich natürlich keine Schwäche zeigen. Am Schluss dann nochmal alles reingelegt. All in.“

Ja, das kenne ich in etwa vom Alpen-Traum 2014. Was ging Dir da durch den Kopf?
„Erst einmal gar nichts. Die komplette Leere. Ich konnte es auch nicht wirklich begreifen, was ich da grade geleistet hatte. Später folgte dann eine tiefe Befriedigung: Das waren die meisten Höhenmeter, die ich je am Stück gefahren bin. Und jetzt komme ich in den Club. Einfach nur geil!“

Die Charakteristiken der drei Auffahrten zum Mont Ventoux

Wie unterscheiden sich die drei Auffahrten? Welche Auffahrt zum Mont Ventoux ist die schwerste – und welche die schönste? Manfred teilt uns seine Erfahrungen mit:

Sault: Die einfachste Auffahrt zum Mont Ventoux

Gut 25 km und ca. 1.200 Höhenmeter beträgt der Ritt von Sault aus, südöstlich vom Mont Ventoux gelegen: „Der Ort ist berühmt durch seine Lawendelfelder, der Duft im Juni und Juli bei der Auffahrt ist unbeschreiblich. Die Steigung ist die ersten 20 km wunderbar sanft, bei ca. 5 Prozent, zum Schluss wird es dann härter“, schwärmt Manfred von seiner Lieblingssauffahrt.

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Malaucène: Die mittelschwere Auffahrt zum Mont Ventoux

Knapp 1.700 hm gilt es auf einer Strecke von 21 km zu überwinden. Was ihn an dieser Auffahrt zum Mont Ventoux faszinierte? „Die Gleichmäßigkeit der Steigung mit 10 Prozent im Schnitt,“ so Sacher über die Anfahrt aus dem Westen kommend, die bei der Tour-de-France 1951 Premiere feierte; alle anderen Auffahrten im Rahmen der Tour de France wurden über Bédoin geführt, die freilich schwerste der drei Auffahrten.

Bédoin: Die Königssaufahrt zum Mont Ventoux

Gut 1.600 Höhenmeter bei einer Länge von knapp 22 km. Die ersten vier Kilometer noch trügerisch flach, „steigen die Prozente schnell an, sehr häufig auch mal auf 11-12 Prozent.“ Überzeugen die beiden vorigen Auffahrten durch ihre Landschaft bzw. aufgrund der angenehmeren Steigung, ist es bei der Auffahrt von Bédoin der Kampf gegen sich selbst. „Übrigens, die bekannte Mondlandschaft aus den Tour-de-France-Übertragungen sieht man nur, wenn man aus Bédoin bzw. aus Sault kommt“, schließt Manfred ab.

Der Kampf gegen Widerstände – und sich selbst

Das Training für ein solches Wagnis ist nicht ohne. Das kennt der eine oder andere ja sicherlich, der für den Ötztaler trainiert: Wie viel Höhenmeter muss ich vorher „abgerissen“ haben, damit ich beim eigentlichen Rennen nicht total kaputt gehe? Manni beschreibt diese Zeit wie folgt:

„Als Berufstätiger und Familienvater muss man häufig den Spagat schaffen zwischen Beruf, Familie und Training. In meinem Fall war es etwas müßig, ich kam beim Training nicht so recht in Schwung: In absoluten Ausnahmefällen kletterte ich mal 2.500 hm im Training – und das in absoluten Ausnahmefällen“.

2.500 Höhenmeter, na immerhin.

Jeder, der mal für eine Alpenüberquerung oder den Ötztaler Radmarathon trainiert hat, weiß, dass zu einem solchen Mammutprojekt eine gehörige Portion Disziplin gehört – das unweigerliche Scheitern wäre die Konsequenz.

Verlässt einen im „gemütlicheren“ Alter dann nicht irgendwann die Motivation?
„Nein, die Lust am Training verließ mich eigentlich nie. Ein bisschen fühlte man sich aber schon wie ein Getriebener: Schnell noch eine Stunde trainieren, danach um die Familie kümmern, den Wetterbericht für die kommenden Tage checken, um die kommenden Einheiten zu planen“, berichtet Manni.

Einmal und nie wieder?

Wenn man einmal ein solches Mega-Abenteuer abgerissen hat – ich kenne es selbst vom Endura Alpen-Traum 2014 –, kommt im Laufe der Zeit danach die Frage auf, ob man es noch einmal machen möchte. Mannis Antwort auf dieses Thema hat mich sehr interessiert.

„Ob ich es wieder machen würde? Hm, aufgrund meines Buches bekomme ich regelmäßig Feedback über die Geschichten der Fahrer, wenn sich wieder jemand den Mont Ventoux hochquält. Und ja, es kribbelt dann schon. Sehr gerne wäre ich dann mit dabei. Ich kann ja viele Schilderungen hautnah nachvollziehen. Gute Bekannte von mir, wollen im September das Projekt ebenfalls starten. Und in dieser Konstellation wäre ich schon gerne mit dabei.“

Woher kommt diese Magie?
„Ich kann diese Sucht und Magie nur schwer beschreiben: Ist es das Klima, ist es die Lebensfreude, ist es der Zirkus in den Orten um den Mont Ventoux – oder ist es der Berg mit der gelebten Leidenschaft, wenn sich jung und alt, dick und dünn, Profi und Amateur, Anfänger und Oldi hinaufkämpfen und angefeuert werden? Vermutlich ist es die Mischung aus allem, die man einmal erlebt haben muss! Um Deine Frage zu beantworten: Ich wäre jederzeit wieder dabei, dieses Mal aber sehr entspannt. Ob ich dann einmal, zweimal oder dreimal hochfahre – das würde ich dann in der Situation entscheiden. Ich brauche ja keinem mehr etwas zu beweisen, bin ja schon im Club ;)“

Digitales Protokoll des Wahnsinns im e-Book-Format

e-Book Mont Ventoux Rennrad

e-Book von Manfred Sacher

Wer jetzt neugierig geworden ist und sich ebenfalls vorstellen könnte, in den Club der Verrückten vom Mont Ventoux einzutreten, für den hat Manfred ein umfängliches e-Book in Form eines Tagebuchprotokolls geschrieben. Manfred sagt selbst, dass sein e-Book keine nobelpreisverdächtige Literatur ist, es aber in authentischen Worten beschreibt, wie man als Normalo-Rennradfahrer – jenseits der 40 – ein solch verrücktes Abenteuer angehen muss – und schlussendlich auch schafft. Das e-Book ist für 8,99€ bei Amazon erhältlich.

Manfred, was war die Idee für Dein e-Book?
„Die Idee zum e-Book kam mir erst im Nachhinein. Anfänglich wollte ich ein realistisches Tagebuch führen: Über meine Vorbereitungen, Probleme, Trainingslager etc. Ich wollte aber auch noch ein paar Jahre später nachvollziehen können, wie dieses Projekt exakt abgelaufen war, und wie es sich vor allem angefühlt hat. Als ich es dann nach monatelanger Arbeit endlich fertig hatte, war ich schon stolz. Ich hätte mir gewünscht, selbst ein vergleichbares Werk gehabt zu haben, dann wäre einiges an Rechercheaufwand entfallen. Die Reiseberichte in den bekannten Rennrad-Zeitschriften enden ja meist nach wenigen Seiten – beim e-Book kann man aber zu einem fairen Preis deutlich tiefer in die Materie einsteigen. Ungeschönt und ehrlich. Kein Heldenepos.”

Technische Limitierungen? Fehlanzeige

Du hast kein Kindle? Kein Problem: Manfred schlaute (auch) mich auf „Das Buch kann auf Computer, Laptops, Tablets, Kindle’s, usw. gelesen werden. Ideal funktioniert es, wenn man sich vorher die kostenlose App von Kindle installiert und hierüber das Buch lädt und dann auch liest – das Ganze ist auch auf Apple-Produkten kein Problem.“

Prima, viel Spaß damit.

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