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Viel Mut, eine Menge Pech & falsche Strategien – die Gewinner & Verlierer der ersten drei Monumente

by Daniel

Welche Fahrer und Teams konnten überzeugen, wer konnte die teils (zu) hohen Erwartungen nicht erfüllen? Moritz Pfeiffer von der RoadBIKE zieht im Interview einen Strich unter die ersten drei Radsport-Monumente.

Radsport Monumente

(c) Foto: ASO/P. Ballet

So, das war’s dann auch schon wieder.

Die ersten drei Kult-Frühjahrsmonumente sind rum. Mit Mailand–Sanremo, der Flandernrundfahrt und Paris–Roubaix endete am Sonntag die Chance für all die Puncheure und Sprinter, die Kraftmeier im Peloton, sich mit einem Sieg unsterblich zu machen.

Denn bei den folgenden Monumenten (Lüttich-Bastogne-Lüttich und Lombardei Rundfahrt) haben eigentlich nur noch die leichten Kletterer der Szene was zu melden. Eine Ausnahme waren Philippe Gilberts Siege bei LBL und der Lombardei Rundfahrt zwischen 2009 und 2011.

Drum kam mir in den vergangenen Tagen die Idee, mal einen Strich unter diese drei Rennen zu ziehen. Wer hat überzeugt? Von wem haben wir uns mehr versprochen? Kann man überhaupt von Verlierern sprechen, wenn man nicht ganz oben auf dem Treppchen steht?

Typisch Deutsch übrigens. Hier zählt nur einer als Gewinner, wenn er einen Pott in der Hand hält. Ein genauerer Blick offenbart, dass nicht nur Podiumsplätze Sieger machen. Auch Teamwork, Taktik und äußere Umstände sollten mit betrachtet werden.

Es gibt wie immer viele Graustufen – und nicht nur schwarz und weiß.

Dazu wird uns Moritz aber auch noch 1-2 Sätze sagen.

Ich freue mich sehr, dass sich RoadBIKE-Redakteur Moritz Pfeiffer die Zeit genommen hat, mir meine Fragen zu beantworten.

Übrigens mal wieder sehr interessant zu sehen, wie sich Dinge über die Zeit entwickeln. Vor knapp zwei Jahren präsentierte Moritz hier auf SpeedVille sein damaliges Startup „Rennradflucht“ – heute lese ich seine Artikel in Deutschlands zweitgrößter Rennrad-Zeitschrift RoadBIKE.

Tops & Flops der Monumente – Moritz Pfeiffer (RoadBIKE) im Interview

Moritz, die ersten drei Kult-Monumente sind rum. Welches der drei Rennen hat dir am besten gefallen?
In meinen Augen sticht Paris-Roubaix hervor. Einfach, weil es ein unglaubliches, mit nichts zu vergleichendes Spektakel ist. Und in diesem Jahr haben wir bei Staub, Hitze und Rückenwind ein unglaublich schnelles Rennen erlebt. Und wer denkt, das ist „nur“ Kopfsteinpflaster, muss einmal dort fahren. Das sind riesige, unförmige Blöcke, die kreuz und quer stehen, dazu Schlaglöcher, Spurrillen, Unebenheiten. Selbst, wenn es asphaltiert wäre, würde man durchgeschüttelt…

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Aber alle drei ersten Monumente hatten in diesem Jahr ihre Reize. Bei Mailand-Sanremo hat es nach zuletzt vielen Massenankünften endlich mal wieder eine kleine Gruppe ins Ziel geschafft, in Flandern wurde eine der eindrucksvollsten Solofluchten der letzten Jahre mit einem Sieg belohnt, und bei Paris-Roubaix war der spätere Sieger nach einem Sturz zwischenzeitlich schon über eine Minute abgehängt.

Hat dich eins gelangweilt?
Ganz ehrlich: nein.

Einige Fahrer haben vor den Monumenten große Ansprüche gestellt. Nicht alle konnten liefern. Welche Fahrer sind deine Tops & Flops?
Mir fällt es schwer, von Flops zu sprechen, denn man braucht, um bei den Klassikern zu gewinnen, mehr als nur tolle Beine, um es mal mit Peter Sagan zu sagen. Man braucht auch ein gewisses Quäntchen Glück. Wenn man das nicht hat, steht man mit vermeintlich leeren Händen da. Dabei ist es in meinen Augen ein Fehler, nur Siege zu honorieren, und gute Platzierungen oder aktive Renngestaltung zu übersehen. Das passiert leider insbesondere in Deutschland häufig, da wir keine Radsport-Nation sind und – egal in welcher Sportart – eher Sieger verehren, ohne den jeweils dazu gehörigen Sport richtig zu begreifen.

Also, hinter André Greipel ins Ziel zu kommen, der dieses Jahr ebenfalls mit großen Ambitionen und spezieller Vorbereitung bei Flandern und Paris-Roubaix gestartet ist, ist mit Sicherheit keine Schande.

Ein Beispiel dafür ist die Doppelspitze von Katusha, Tony Martin und Alexander Kristoff. Die hat sicherlich nicht so gezogen, wie sie das selbst erhofft haben. Gleichzeitig muss man aber eben auch sagen: Kristoff hat mit Platz 4 in Sanremo, Platz 5 in Flandern und einem Etappensieg bei den „Drei Tagen von de Panne“ bestimmt kein schlechtes Frühjahr gehabt, Martin hat viel gearbeitet und mehrfach attackiert. Das Team war präsent und oft an rennentscheidenden Situationen beteiligt.

Sehr gut gefallen hat mir Jasper Stuyven von Trek-Segafredo, den ich für die aktuelle RoadBIKE-Ausgabe interviewt habe: Er war mit jeweils sehr aktiver Fahrweise 8. beim Omloop Het Nieuwsblad, 2. bei Kuurne-Brüssel-Kuurne und 4. in Roubaix. Wenn man bedenkt, dass Boonen und Gilbert ihre Karrieren beendet haben oder in nicht allzu ferner Zukunft beenden werden, ist nicht nur Greg van Avermaet eine belgische Hoffnung für künftige Top-Ergebnisse, sondern auch der junge Stuyven.

Der Blick zu den Teams: Viel Pech verhinderte, dass Peter Sagan ein Monument mit nach Hause holte. Ist das Team BORA-hansgrohe für dich nach den ersten drei Monumenten das „Verliererteam“?
Unter gar keinen Umständen. Denn auch hier gilt: Man darf nicht nur Siege zählen lassen. Bora-hansgrohe fährt das erste Jahr WorldTour, ist bei manchen Rennen zum ersten Mal dabei gewesen oder vom Wild-Card-Inhaber zum Team geworden, auf das alle schauen. Sie haben sehr hart gearbeitet, und Peter Sagan hat sich immer den Allerwertesten aufgerissen, mit aktiver Fahrweise für spannende Rennverläufe gesorgt und eine große Show geboten. Ist er selbst ein Risiko eingegangen in Flandern, als er so nah an der Absperrung fuhr? Ja, natürlich. Hat er falsches Material gewählt, wenn er bei Roubaix zwei Mal im entscheidenden Moment Defekt hat? Vielleicht hatte er auch einfach nur Pech.

Dieses Mal hat es für Sagan zwar „nur“ zu einem Sieg (Kuurne) und drei Podiumsplätzen (Omloop, Sanremo, Gent-Wevelgem) gereicht, aber der junge Lukas Pöstlberger war auch 5. beim E3 Harelbeke, Markus Burghardt kam bei Paris-Roubaix mit der ersten Gruppe um Tom Boonen ins Ziel, 12 Sekunden hinter van Avermaet und wurde immerhin 16. Bora-hansgrohe hat die Klassiker bereichert, nicht verloren.

Aus deutscher Sicht müssen wir gesondert über John Degenkolb sprechen, der ja u.a. extra das Team wechselte, um „mehr Gewicht“ bei den Klassikern zu bekommen. Sein bestes Ergebnis war „nur“ Platz 7. Bei Paris–Roubaix kam sogar André Greipel vor ihm ins Ziel. Wie bewertest du das?
Also, hinter André Greipel ins Ziel zu kommen, der dieses Jahr ebenfalls mit großen Ambitionen und spezieller Vorbereitung bei Flandern und Paris-Roubaix gestartet ist, ist mit Sicherheit keine Schande. Ich freue mich mehr, dass Degenkolb nach seinem furchtbaren Trainingsunfall Anfang 2016 wieder auf diesem Niveau in die Klassiker zurückgekehrt ist. Man hat schon gesehen, dass das letzte Quäntchen noch fehlt, aber er hat nach einem Jahr Abwesenheit Konstanz gezeigt. Ich denke, da können wir uns noch auf einiges freuen in den kommenden Jahren.

(c) Fotos im Artikel: ASO/P. Ballet

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