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Canyon Speedmax CF im Test – ein guter Grund,
sich mit dem Thema Zeitfahren zu beschäftigen!

by Daniel

Wer mit Normalgewicht keine Lust mehr hat, am Ende der bergigen Nahrungskette zu stehen, sollte sich in der kommenden Saison mal mit dem Thema Zeitfahren auseinandersetzen – und gleichzeitig mit dem Canyon Speedmax CF. Ein prima Einstieg in das Thema. Natürlich auch für all die Jungs mit Pommesärmchen und ein paar Kilos weniger…

Canyon Speedmax CF„Das Rad schaut aber sehr futuristisch aus!“

Ich knie auf dem Bürgersteig und knipse ein paar Bilder für diesen Testbericht im szenigen Münchner Schlachthofviertel. Die beiden älteren Herrschaften – Generation Rudi Altig – betrachten das an die Graffiti-Wand gelehnte Zeitfahrrad – die Arme natürlich hinter dem Rücken verschränkt, wie es sich für Rentner gehört. „Fährt der Martin auch mit so einem Rad?“ fragen sie mich – Generation Jan Ullrich. „Noch nicht erwidere ich, erst nächstes Jahr. Dann fährt der Martin bei Katu… (verdammt, kennen die eh nicht), naja bei so nem Team mit Canyon Rädern“, erwidere ich. Mit dem ist nur der Müller gefahren beim KOTL am Attersee.

„Aha.“ Die beiden starren weiter auf das Bike und schwelgen in Radsporterinnerungen aus vergangenen Tagen. Ich höre nur ein Gemurmel von „früher“, „Stahlrahmen“ und „Wahnsinn“.

„Wollt ihr damit mal fahren?“ frage ich die beiden höflich wie ich bin. Nein, mach ich natürlich nicht. Klingt nur sehr wohl erzogen. Ich bin ja nicht verrückt. Selbst ich muss manchmal aufpassen, diesen Heißblüter zu meistern, den beiden Ü70s würde ich das jedenfalls nicht zutrauen. Nach einer weiteren Minute Be- und Verwunderung bin ich erlöst; schmunzelnd und Gott grüßend ziehen die beiden wieder von dannen, natürlich mit verschränkten Armen hinter dem Rücken.

Eine recht typische Szene, wenn man mit so einem Geschoss wie dem Speedmax unterwegs ist. Man wird ständig angeglotzt oder angesprochen. Aber irgendwie ja auch schön. Ich gehe wieder runter auf meine Knie – wie Lewinsky zu besten Zeiten – und knipse meine Bilder.

Lustig die alten Herren, aber sie haben recht. Krass, wie sich die Bikes in den letzten Jahren verändert haben, v.a. das Speedmax – es sieht tatsächlich aus wie ein Fahrrad aus der Zukunft. Fehlen nur noch links und rechts zwei Triebwerke. Die Konversation hat mich gedanklich wieder zurückgebracht zum King of the Lake – meinem ersten Zeitfahren auf eben erwähnter Speedmax-Maschine…

Warum eigentlich ein Zeitfahrrad?

Canyon Speedmax TestSimple Antwort: Weil ich einigermaßen Watt auf die Pedale bringe, aber zu schwer bin, um in den Bergen was zu „reißen“. Nach ca. 2 Jahren bei den Radmarathons weiß ich wo ich stehe. Je mehr Berg, desto weiter hinten befinde ich mich in der Nahrungskette. Aus diesem Grund hatte ich im 2016er-Rennkalender ja auch schon das eine oder andere hügelige Rennen mit eingestreut, wie z.B. „Rund um Köln“, den „Granfondo New York Deutschland“ – oder im September den „Kufsteinerland Radmarathon“. Allesamt Rennen, bei denen es keine Endlosanstiege gibt. Hier schlägt sich das Gewicht nicht so krass nieder.

Gut für mich, denn ich wiege etwas über 80 kg.

Björn Geesmann von STAPS gab mir schon im Frühjahr auf der Bahn in Augsburg (Bericht kommt im Nov.) den Tipp, mich doch mal im Zeitfahren zu probieren. Mit den Watt, die ich an der Schwelle trete, dürfte ich beim Zeitfahren Spaß haben. Aber was ist ein Zeitfahren ohne ein richtiges Zeitfahrrad? Um ehrlich zu sein, relativ wenig. Ein bisschen so wie Urlaub ohne Wasser. Geht zwar auch, aber so richtig geil ist es nicht. Im Urlaub brauche ich das Wasser, bei einem Zeitfahren brauche ich ein Zeitfahrrad.

Ein großes Dankeschön geht an der Stelle an Canyon; dafür dass es die Jungs trotz aller Kurzfristigkeit noch hinbekommen haben, mir das Speedmax für den King of the Lake zu leihen.

In diesem Artikel möchte ich über meine Erfahrungen mit dem Canyon Speedmax schreiben. Denn vielleicht ist da draußen ja auch der eine oder andere unter Euch, der keine Lust mehr hat, in den Bergen ständig aufs Maul zu bekommen.

Canyon Speedmax CF 9.0 im Test

Canyon Speedmax TestWie so oft, stelle ich mir bei einem Produkttest die alles entscheidende Frage:

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„Wie fühlt es sich an?“

Ganz simpel.

Nicht, wie viel hat es mich besser oder schneller gemacht. Die alles entscheidende Frage ist die nach dem Gefühl. Denn alles andere kann ich nicht valide beantworten. Fühlt sich das Speedmax jetzt gut an oder nicht? Tut nach der Fahrt irgendetwas weh? Würde ich das Speedmax nochmal nutzen, würde ich es gar kaufen?

Meine Erfahrungen mit dem Canyon Speedmax möchte ich wie folgt untergliedern: Einmal schildere ich meine allgemeinen Eindrücke (Optik, Fahrverhalten, Gewicht etc.), danach möchte ich aber vor allem auf das Thema Komfort eingehen. Denn das war der Punkt, der mich vor dem King of the Lake etwas nervös gemacht hat.

Schaffe ich es überhaupt, eine gute Stunde bei 100%iger Auslastung auf dem Zeitfahrrad zu sitzen oder bricht mir vorher der Rücken durch. Schaffe ich es bei all der Anstrengung noch sicher und ohne eine Gefahr für die anderen darzustellen, über die Straßen zu kommen?

Das Speedmax CF auf einen Blick – meine Eindrücke

  • Gewicht: Mit ca. 8,3 kg ist das Speedmax CF (Carbon Rahmen) für ein Zeitfahrrad ziemlich leicht
  • Fahrverhalten: Ich hatte vorab befürchtet, dass die Lenkung und Agilität des Fahrrads deutlich lethargischer wäre; dem war nicht so – auch in Kurven lässt sich das Speedmax problemlos steuern
  • Optik: Das Auge isst bekanntlich mit. Es gibt sicherlich einige unter Euch, die auf bunten Lack stehen – mir persönlich gefällt das matte Schwarz sehr gut, die Kombination mit dem grün/gelben Schriftzug passt natürlich perfekt zu SpeedVille
  • Laufräder: Die Reynolds Strike Carbon Clincher (62 mm Felgenhöhe) machen beim Fahren einen schönen fiesen Sound und sehen auch noch gut aus. Cool war, dass es auf dem Ventil keine Ventilkappe zum Zudrehen gibt. Luftpumpe draufgesetzt, abgezogen und fertig!
  • Sattel: Das Rad kommt mit einem Fizik Ardea Tri Sattel. Aber ganz ehrlich? Mir wäre fast am liebsten, wenn die Hersteller die Bikes künftig komplett ohne Sättel ausliefern; denn bekanntlich hat jeder seinen eigenen präferierten Sattel. Bei mir kam jedenfalls gleich der SQlab Triathlon Sattel 613 drauf
  • Elektronische Schaltung: Das Speedmax ist in drei verschiedenen Gruppen erhältlich: einmal als 105er, Ultegra oder Ultegra Di2 Gruppe. Mein Bike hatte die elektronische Ultegra Di2, was das Schalten per Knopfdruck in der liegenden Position sehr angenehm macht. Die Kette schnurrt perfekt getimt die Kassette hoch und runter. In Summe sehr, sehr angenehm
  • Wattmessung: Natürlich kommt das Bike ohne Powermeter, meinen linken Stages Powermeter Kurbelarm hatte ich innerhalb weniger Minuten montiert und per Koppelung mit dem Garmin verbunden
  • Aerodynamik: Laut Canyon ist das Speedmax CF nach CFD-Simulationen und Windkanaltests bzgl. Aerodynamik nahezu auf Augenhöhe mit dem Topmodell CF SLX. Die nicht integrierten Bremsen (Direct Mount) erhöhen den Luftwiderstand laut Canyon nur minimal, während die Verkleidung des hinteren Laufrades (auch beim Speedmax CF inkl.) die Aerodynamik wiederum erhöht. Weitere Pluspunkte für die Aerodynamik sind neben der grundsätzlichen Geometrie der eigens für das Speedmax konzipierte Carbon-Lenker, als auch die integrierte Sattelklemme und eine minimierte Stirnfläche des Sitzrohrs
  • Übersetzung (52/36): wenn man nicht gerade Tony Martin heißt und eine Schwelle jenseits der 400 Watt tritt, dann dürfte man mit der Übersetzung dicke hinkommen. Bei der ein oder anderen Abfahrt hätte ich mir zwar den einen oder anderen Zahn mehr auf dem großen Kettenblatt gewünscht, unterm Strich ist das aber Millimeter- bzw. Millisekunden-Diskussion und in unserer Liga egal. Das Topmodell “Speedmax CF SLX” kommt entsprechend mit 53/39 (ebenfalls Ultegra-Di2-Gruppe).

Komfort des Canyon Speedmax

Canyon Speedmax TestDer Kern des Artikels: Wie fühlte sich das Fahren mit dem Speedmax an? Hatte ich danach Schmerzen oder war alles okay?

  • Das Wichtigste vorweg: ich hatte keine Schmerzen im Rücken oder Nacken aufgrund der liegenden Sitzposition, was bei einem Zeitfahrrad natürlich mal schnell zum Albtraum werden kann. Vor allem, wenn du wie bei einem Zeitfahren ab Sekunde 10 für gut eine Stunde auf Anschlag fährst. Da ist wenig Zeit zum adjustieren und korrigieren, da musst du alle Energie aufbringen, diese Stunde irgendwie zu überstehen
  • Lediglich die Muskulatur des Hinterns tat nach dem KOTL übel weh, was aber an der ungewohnten Belastung lag. Hier hätte es sich empfohlen, vor dem Rennen mal etwas öfter mit dem Speedmax zu fahren, um Körper und Muskulatur an die Position zu gewöhnen. Ging aber aus terminlichen Gründen leider nicht
  • Sattel und Armpads lassen sich komplett frei verstellen, was natürlich gut ist, um die bequemste Position zu finden
  • Dadurch, dass beim Speedmax noch ein Spacer (25 mm) unter dem Vorbau angebracht ist, ist die Sitzposition auch nicht so krass sportlich wie bei den Profis wie z.B. Frodeno oder Frommhold
  • Wer es sich aber geben möchte, kann die Spacer problemlos entfernen und entsprechend tiefer liegen; die Box kann auch in einer flacheren Version (per Ersatzteil) bestellt werden, so dass sie dann wieder bündig abschließt
  • Apropos, die Aufbewahrungsbox auf dem Oberrohr würde ich übrigens auch noch unter dem Stichpunkt „Komfort“ sehen. Neben der integrierten Kontrolleinheit (Ultegra Di2), könnt ihr hier problemlos noch das eine oder andere Gel oder Riegel reinpacken
  • Exemplarisch für den Komfort auf dem Speedmax ist meine 3,5-stündige Ausfahrt am vergangenen Wochenende, bei der ich nochmal die beiden Sitzpositionen (liegend und aufrecht sitzend) munter durchprobiert hatte – auch hier wieder ohne Rücken- oder Nackenschmerzen

Fazit des Speedmax Test

Canyon Speedmax Test

Hinter diesen Test mit dem Speedmax-Bike kann ich definitiv einen Haken setzen. Und ja, ich würde es definitiv kaufen, wenn mich einer fragen würde. Warum? Weil es sich ganz simpel gesprochen gut angefühlt hat. Meine Befürchtungen, dass ich das Zeitfahrrad nicht vernünftig steuern könnte oder aufgrund der ungewohnten Position, über Gebühr leiden würde, waren tatsächlich unbegründet. Aufgrund des etwas höheren Lenkers lag ich auch nicht zu krass, was sich in einem guten Gefühl für Rücken und Nacken bemerkbar machte. Sehr wichtig: Nur, wenn ihr Euch einigermaßen wohl fühlt, könnt ihr über einen längeren Zeitpunkt die Leistung auf die Pedale bringen.Damit ihr hinterher nicht so Schmerzen am Bobbes habt wie ich, empfiehlt es sich ein paar Wochen vor dem ersten seriösen Zeitfahren, sukzessive Einheiten auf dem Zeitfahrrad in den Trainingsplan einzustreuen, um den Körper an die ungewohnte Position zu gewöhnen.

Da ich das Bike jetzt „nur“ für einen Zeitraum von 4 Wochen zur Verfügung hatte, kann ich leider nicht so viel über das weitere Handling oder Wartungsthemen sagen. Ein signifikanter Vorteil der nicht integrierten Bremsen scheint mir aber die einfache Handhabung zu sein. Während es naturgemäß schwieriger ist, an die im Rahmen integrierten Bremsen zu kommen, ist die Pflege/Wartung der Direct Mount Bremsen nichts Neues. Somit stellt das Speedmax einen sehr guten Einstieg in das Thema Zeitfahren dar, und das zum vergleichbar fairen Preis (ab 2.299€).

Mit dem Speedmax habe ich in der aktuellen Saison wahrscheinlich eins meiner stärksten Rennen absolviert, von daher werde ich es natürlich in bester Erinnerung behalten und würde es logischerweise jederzeit wieder nutzen.

Also, all ihr “Normalgewichtigen” da draußen: Wenn ihr wie ich kein Bock mehr habt, bei den Bergrennen andauernd abgewatscht zu werden, schnappt Euch ein Zeitfahrrad und lasst uns bei gleichen Bedingungen schauen, was geht! Bei diesen beiden Zeitfahren werde ich mindestens in 2017 an den Start gehen – vielleicht sehen wir uns ja?!

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