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Vom Profi zum Jedermann – Yannick Mayers Erfahrungsbericht der Tour de Kärnten

by Daniel

Auch wenn’s etwas geschmerzt hat, bei der Tour de Kärnten nicht an den Start zu gehen, war wahrscheinlich eine kluge Entscheidung von mir. Zwar hatte ich einige Termine hier in München, die ich nicht verschieben konnte – der Hauptgrund war aber sicherlich: Ich war einfach nicht richtig fit. Die sechs Etappen im Süden Österreichs wären für mich eine Tortur ohne Ende gewesen. Und als Drittletzter wollte ich nun auch nicht abschließen. Zum Glück gibt es Yannick Mayer, Sprintertyp und KT-Fahrer, der die SpeedVille-Fahne beim bergigen Etappenrennen hochhielt. Und je öfter ich seinen Erfahrungsbericht lese, desto klüger war meine Entscheidung.

Tour de Kärnten Erfahrungsbericht

Foto: Werner Kapfenberger

Von Yannick Mayer

Ja, ich bin Lizenzfahrer. Ja, mein Team ist als UCI-Sportgruppe gelistet. Und ja, ich fahre hier ein Jedermannrennen.

Fast schon schmunzelnd erkläre ich immer wieder, warum mich hier im Feld keiner kennt, warum ich bergauf oft Probleme bekomme, bergab und im Flachen jedoch mühelos an der Konkurrenz vorbeirolle.

Doch nun der Reihe nach.

Let’s Go per Facebook-Messenger

Zwei Wochen vor der Tour de Kärnten blinkt der Facebook-Messenger auf. Es ist Jonas Leefmann, mein ehemaliger Trainingspartner aus Würzburger Studientagen. Seit ich ihn sowohl beim Print-Magazin RennRad, als auch beim Semi-Profiteam Bike Aid ins Spiel gebracht habe, prophezeit er mir, dass auch ich irgendwann bei einem Jedermannrennen starten würde.

Dieser Moment soll nun gekommen sein.

Aus der geplanten Münchner Journalisten-Kombo Jonas Leefmann (RennRad) und Daniel Müller (SpeedVille) wird nichts, Daniels Saisonplanung nimmt einen anderen Lauf.

Als unterbeschäftigter KT-Fahrer nehme ich das Angebot schließlich dankend an, die sechs Etappen in Kärnten als kleines Trainingslager mit Wettkampfcharakter zu nutzen.

Von München sind wir erstaunlich schnell in Ossiach, dem Dreh- und Angelpunkt der Tour de Kärnten.

Eingecheckt wird im Hotel Post, wo wir eine Ferienwohnung im Nebenhaus beziehen und die Räder mit ins Zimmer nehmen dürfen. Angesichts immer wiederkehrender Horrorgeschichten von aufgebrochenen Autos und gestohlenem Material bei Radrennen sind wir dahingehend schon beruhigt. Das Wetter passt, strahlender Sonnenschein über dem Ossiacher See, die erste Radfahrt zum Beine lockern dient auch gleichzeitig der Erkundung der Zeitfahrstrecke des Folgetages. Bis jetzt ist noch kein Unterschied zu meiner üblichen Renn-Routine feststellbar.

Starke Konkurrenz beim Zeitfahren der Tour de Kärnten

Tour de Kärnten Erfahrungsbericht

Foto: Bernhard Felder

Am Morgen des Zeitfahrens dann der erste Kontakt zum Veranstalter: Organisator Bernd Neudert gibt wichtige Infos zum Thema Sicherheit und Streckenführung an die Fahrer weiter. Der Platz füllt sich, beinahe alle der rund 300 Athleten erscheinen und hören aufmerksam zu.

Im Zeitfahren fällt mir auf, dass auch in Rennrichtung Autos fahren, gesperrt werden nur die Kreuzungen, wenn ein Rennfahrer naht. Ich empfinde das als nicht weiter störend, nehme schnell Rhythmus und Position auf meiner Zeitfahrmaschine ein und spule die 39 Kilometer herunter. Der Ossiacher See und Feldkirchen fliegen geradezu an mir vorbei, am Ende steht ein Schnitt von fast 47 km/h auf dem Tacho, ich werde Fünfter.

Unterschätzt habe ich die Jedermannszene noch nie, Jedermannrennen sind auch richtige Radrennen, nur eben anders.

Im Zeitfahren sind die Unterschiede nicht sichtbar. Die ersten 15 fahren Material, das der World-Tour in nichts nachsteht. Selbst gekauft, versteht sich.

Nach dem Zeitfahren lassen wir die Beine und die Seele baumeln, beim shoppen im örtlichen Tante-Emma-Laden treffen Jonas und ich auf andere Teilnehmer, denen die Strapazen noch deutlich ins Gesicht geschrieben stehen. Eine knappe Stunde am Limit, ohne Zeitfahrmaterial, das schmerzt.

Nervosität und hohes Renntempo bergauf

Tour de Kärnten Erfahrungsbericht

Foto: Nina Elsässer

Der Morgen danach beginnt bereits um 6:30 Uhr. Für mich zu früh, aber die Startzeit um 9:00 Uhr erfordert eben ein frühes Frühstück. Verschlafen höre ich Jonas zu, wie er das „Morgenstund“ Müsli des Veranstaltungssponsors P. Jentschura lobt. Roland Jentschura, der Chef selbst, hat es zubereitet und steht bereits früh morgens am Frückstücksbuffet und gibt Tipps zum verfeinern. Für mich immer noch zu früh, mit einem knappen „Danke“ nehme ich meinen Teller entgegen und schlurfe zum Tisch. Kurze Zeit später trifft mich der Jedermannsport mit voller Wucht. Bereits eine Stunde vor dem Start fahren sich die frühen Vögel auf der Straße warm. Es ist acht Uhr. Auch für uns heißt es anziehen und vorbereiten. Ich stecke eine Luftpumpe ins Trikot, Materialwägen wie im UCI-Rennen gibt es ja nicht.

Um 8:55 Uhr begebe ich mich in Startblock A, es wird gedrängelt, viele sind nervös, ich will nur noch heim. Oder wieder ins Bett. Nach einer Neutralisation von 11 Kilometern geht es los, am ersten Berg sind 450 Watt zu viel für mich schweren Brocken und ich lasse die erste Gruppe ziehen. Es kommen ja schließlich noch weitere Anstiege. Meine Gruppe läuft gut, ich halte sie am Laufen und motiviere die Jungs. Das Reisetempo in der Ebene liegt nicht besonders hoch, dafür lassen es die Jungs am Berg umso mehr fliegen.

Nach 80 Kilometern kommt die Labestation, ich freue mich auf zwei neue Trinkflaschen – und dann das: Pappbecher!

Gut, ich hätte es wissen müssen, wir sind hier nicht beim Profirennen. Ich gönne mir den Luxus, anzuhalten und aufzutanken, am nächsten Berg stoße ich wieder auf meine Gruppe. Dann die erste längere Abfahrt. Ich fahre vor, lasse die Bremse offen und bin plötzlich allein auf weiter Flur. Ein kleines Grüppchen erkenne ich weiter vorne. Es ist Jonas, nach kurzer TT-Einheit rolle ich zu ihnen hin. Im Finale in Feldkirchen i.K. sehe ich noch ein Trio vor mir auftauchen, etwas Risiko in den Kurven und ich bin dran, ein kurzer Antritt und ich bin vorbei und sichere mir Platz 12.

Der Rückstand auf die Bergflöhe ist jedoch schon ordentlich, ganze elf Minuten konnten Klaus Steinkeller und Mathias Nothegger herausfahren. Es wird mir wieder schmerzlich bewusst, dass die Einheit „Watt pro Kilogramm“ schon immer mein Feind war und ich alle meine Siege nur durch Rennintelligenz geholt habe – eine Fähigkeit, die im Jedermannsport, insbesondere in den Bergen, nichts nützt.

Qualen bei Etappe 3: Buggl in Bach

Tour de Kärnten Erfahrungsbericht

Foto: Nina Elsässer

Die dritte Etappe wird zur persönlich härtesten. Angestachelt von Jonas fahren wir eine Startattacke und bestreiten den ganzen Tag von vorne, bis ich Jonas am vorletzten Berg ziehen lassen muss. Ich hoffe inständig, dass er den Vorsprung bis zur Bergankunft Buggl in Bach retten kann. Ich selbst quäle mich alleine weiter, werde aber auf dem letzten Kilometer von weiteren Rennfahrern gestellt und letztlich Neunter. Im Ziel erfahre ich von dem Lohn der Mühen, Jonas hat die Etappe gewonnen, wenn auch nur hauchdünn im Sprint vor Steinkeller und Nothegger.

Ab Etappe vier wird es sehr menschlich, das Peloton wird ruhiger, alle sind etwas müde, sei es vom täglich frühen Aufstehen oder den harten Bergetappen. Mein kleinster Gang von 39×28 kommt auch an diesem Tag wieder viel zu oft zum Einsatz. Umso schöner für mich, dass ich den Sprint des Hauptfeldes in der Alpenarena Villach für mich entscheiden kann. Wieder Platz 12.

Memo an mich selbst: Nächstes Mal unbedingt 36×28 ketten, oder noch besser 34×34, sollte meine Bergform noch schlechter werden. Der Heimweg, der übrigens bei jeder Etappe locker mit dem Rad bewältigt werden kann, wird von einem kleinen Schauer unterbrochen, eine Bushaltestelle war noch nie so bequem. Abends treffe ich auf einen Ex-Lizenzfahrer, der nach Jahren ohne Radsport wieder einsteigt und sich dieses Jahr einige Ziele gesteckt hat. Edles Material, Zusammenarbeit mit einem Trainer, Einschränkungen im Privatleben. Eben das, was ich als Lizenzfahrer auch kenne. Er ist nicht zufrieden mit seiner bisherigen Tour, ich mache ihm etwas Mut. Einig sind wir uns in dem Punkt, dass die Organisation wirklich alles Menschenmögliche unternimmt, um den Fahrern eine professionelle Rennwoche in schönem Ambiente zu bieten. Sei es bei der Auswahl der Routen, der Verpflegung unterwegs und nach dem Ziel oder dem freundlichen, familiären Umgang.

Es bleiben wenige Wünsche offen. Und selbst für außergewöhnliche Situationen findet das Team um Bernd Neudert, und seine rechte Hand Bernhard Felder, Lösungen. Kurzum, es wird mehr geleistet, als nur ein Radrennen veranstaltet. Und es wird mehr geboten als man für 399 Euro erwarten kann.

Schlusssprint bei der Tour de Kärnten

Tour de Kärnten Erfahrungsbericht

Foto: Nina Elsässer

Etappe Nummer fünf hält wieder Anstiege der Kniebrecher-Kategorie bereit. Zwar kurz, aber steil. Das Jentschura-Müsli rettet mich über den Tag, die Routine der Rundfahrt schleicht sich ein. Ich gewinne wieder den Sprint des Hauptfeldes, wenigstens das kann ich besser als die „echten“ Jedermänner.

Das Bergzeitfahren am letzten Tag wird für mich zur Tortur – wie jedes Bergzeitfahren. Ganze 13 Minuten verliere ich auf Steinkeller und Nothegger, die den Gesamtsieg im Bergzeitfahren ausfahren müssen, da sie nur wenige Sekunden trennen.

Eine Minute Verlust pro Kilometer Anstieg, das kenne ich vom Profirennen. Unglaublich, wie stark diese beiden da vorne hochziehen. Sage und schreibe fünf Minuten und zwanzig Sekunden liegen zwischen ihnen und dem Drittplatzierten.

Ein letztes Mal geht es ins Tal, zurück zum Hotel Post. Mit dem guten Gefühl, etwas für die Form getan zu haben. Ebenso ist der gegenseitige Respekt gewachsen. Meiner, vor der Organisation eines solchen Mammutevents. Und vor der Bergleistung der Jedermänner, die wiederum mein Antritt und meine Renntaktik beeindruckt hat.

Als Fazit kann ich die Tour de Kärnten jedem empfehlen. Montiert leichte Gänge und bleibt danach noch zum Familienurlaub, mehr Spaß beim Radfahren ist fast unmöglich.

Tour de Kärnten auf einen Blick

Das Rennen

Sechs Etappen, davon ein 39 Kilometer langes, flaches Zeitfahren zu Beginn, vier Bergetappen zwischen 90 und 120 Kilometern und ein Bergzeitfahren über 13 Kilometer zum Abschluss.

Das Startgeld beträgt 399 Euro und soll im kommenden Jahr nicht erhöht werden. Interessante Rabattaktionen verfügbar.

Das Hotel

Hotel Post in Ossiach, der Ausgangspunkt der Rundfahrt. Der Startplatz zu fünf der sechs Etappen liegt direkt gegenüber, abends finden die Siegerehrungen des Tages und das Briefing für den kommenden Tag ebenfalls im Hotel Post statt. Sehr gute Küche, komfortable Zimmer mit viel Platz für Radmaterial und Wäsche.

Die Region

Abseits von Ossiach und den Ossiacher See liegen Villach, Feldkirchen und der Faaker See. Die Landeshauptstadt Klagenfurt liegt 35 Kilometer östlich, Velden und den Wörthersee erreicht man in weniger als 30 Minuten. Steile, aber nicht besonders hohe Berge umringen die Täler- und Seen-Region.

Video mit Stimmen zur Tour de Kärnten

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